Der träumende Amokläufer

„Und dann haben wir noch dieses Modell“

Die Augen des Träumers leuchteten, als der Waffenhändler die Beretta Pump-Action aus dem Regal nahm und sie ihm zeigte.

„Beretta ist eine sehr gute Qualität, dies spiegelt sich natürlich auch im Preis wieder, aber sie ist es wert.“

Der Träumer nahm sie in die Hand, die Flinte war relativ leicht und doch gleichzeitig sehr robust. Schwarz, Aluminium, Hohlgriff, 6 Schuss Magazin, Mündungsfeuerbremse, Hitzeschild für hohe Schussrate... genau das was er sich unter einer Militärpumpflinte vorgestellt hatte. Er musste sie haben.

„Was verschiesst die Waffe denn?“ Auf diese Frage kamen bei der Antwort seine Erwartungen nicht zu kurz. Gummi Schrott, feines Schrott, grobes Schrott, Flintengeschoss im Durchmesser des vollen Kalibers.

Einfach Perfekt. Und vor allem legal. Der Träumer grinste.

Der Waffenhändler und der Träumer einigten sich schnell auf eine Zahlung von 4 Raten für das schwarze Verderben. Das war gut so.

Die Wartezeit war rasch vorbei und der Waffenerwerbsschein wurde endgültig und zweckentsprechend vom Träumer eingelöst.

Grobes Schrott und die grosskalibrigen Geschosse nannte er im selben kauf sein eigen.

Schwarzes Verderben, getarnt im Gesetz als Waffe zur Jagd und doch so offensichtlich nicht dazu erschaffen, Wild zu erlegen. Hitzeschild und Mündungsfeuerbremse, edles Design... leicht in der Hand, nicht schwer zu tragen, ideal für raschen und ausdauernden Gebrauch.

Der Träumer suchte sich einen neuen Schiessstand, da die Alten nicht den Gebrauch solcher Waffen duldeten. Doch er überlistete sich selbst und all die Anderen. Er fand nach einer langen Suche den Traum der seinen Anforderungen entsprach.

Getarnt als motivierter Sportschütze der neben dem „schwarzen Verderben“ noch all die anderen „sportlicheren“ Waffen einschoss, trainierte er um besser als die Guten zu sein.

So kam der Träumer zu einer wichtigen Erkenntnis:

Grobes Schrott ist besser als Flintengeschosse, die Streurate ist grösser, man muss nicht so genau Zielen. Der Schaden ist ebenfalls im mehr als befriedigendem Bereich. Wenn es um möglichst grosser Schadenwirkung geht, wäre die Kombination von groben Schrott und Flintengeschosse angebracht. Schrott zum bremsen, Grosskaliber zum beenden.

Doch dass Schiessen auf Zielscheiben machte dem Träumer schnell keinen Spass mehr und der Zweck war eigentlich schon lange erreicht. So schwierig war der Umgang mit einer Flinte auch nicht zu erlernen. Und so beschloss er, das edle Geschöpf zurück in den Stall zu führen und es ruhen zu lassen, auf das es am richtigem Tage im vollen Glanze erstrahlen kann. Er genoss die innere Ruhe und Zufriedenheit, denn das Warten macht ihm nichts aus... und so wartet er wie ein Raubtier, dass auf der lauer liegt... und doch hat er alle Zeit der Welt... er hat bald alles was er braucht... und dann beginnt das erwachen.

Der Träumer wachte schweissgebadet auf... es war nur ein Traum... Das war nicht er...

Zitternd schaute er zu seinem Waffenschrank wo seine Flinte drin verborgen lag. Von wo kamen all diese Träume und Gedanken? All dieser Hass.... seltsamer Traum... Heute war wieder einmal ein schöner Tag für den Schiesskeller.

Er fragte sich immer wieder, wieso er zu diesem Hobby kam. Früher hatte er eine Angst vor lauten Knallkörpern und Feuerwerk. Was liegt ihm an dieser Freizeitbeschäftigung. Er hatte schon so vieles gemacht und aufgegeben... an was ist der Träumer mit diesem Hobby gebunden, was will er wirklich unterbewusst. Fragen über Fragen die nur noch noch mehr Fragen aufwerfen.

Er denke viel zuviel nach!, dies hatte der Träumer schon oft gehört... und nun denkt er schon wieder nach. Die innere Ruhe, das gute Gefühl nach dem Schiesskeller... von wo kommt es wirklich? Ist es die Tatsache dass...

„Egal, es macht dir Spass, dass ist das wichtigste!“ Der Träumer schüttelte seine Gedanken aus dem Kopf... er freute sich schon auf die Begegnung mit der Zielscheibe. Seine Pump-Action würde er heute jedoch nicht mitnehmen... eigentlich hat er gar nicht mehr oder beinahe nicht mehr vor, damit zu schiessen... er weiss aber auch nicht warum. Als der Träumer die Flinte damals im Laden sah, wollte er sie um jeden Preis... doch warum, wenn er damit nicht mehr auf Zielscheiben schiesst. Wahrscheinlich lag seine Versuchung in der Zerstörungskraft. Nun hatte er sie. Schwarzes Verderben. Von wo hatte er nur diesen bescheuerten Namen?

Er packte seine Pistole mit der Munition ein und ging auf den Weg zum Schiesskeller. Konzentrieren, Knall, Schuss, Durchatmen. Der Träumer liebte nach dem Schiessen die innere Ruhe... er fühlte sich immer von allem erlöst und befreit... alle Probleme lösbar und alles schien lächerlich. Des Träumers Seele wird durch die Waffe gereinigt. Bald wird er wieder einen Waffenschein besitzen, um sich wieder ein Stück seiner inneren Ruhe zu kaufen. Nur seine Träume beunruhigten ihn. Und seine Gedanken. Der Träumer mochte den Geruch von Pulver und Waffenöl.

„Das wichtigste ist, immer Respekt von der Waffe zu haben!“

Die Worte hörte der Träumer immer wieder in seinem Kopf, seit er sie das erste mal Verstand. Er verstand es nicht, als er es hörte, er hatte es auch nicht verstanden als er das erste Mal eine Waffe in den Händen hielt... erst als er das Allererstemal eine Kugel in seinen Händen hielt, lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter. Er Erinnerte sich:

Der Träumer öffnete die blaue Packung auf der goldig geschrieben Stand, LUGER, 9mm para. Die Packung war ziemlich gewichtig. Dieses Gewicht faszinierte ihn, als er die Plastikhalterung aus der Packung zog. Da lagen sie vor ihm... 50 Kugeln feinsäuberlich aufgestellt in den Plastikhalterungen. Er zog eine einzelne aus der Packung und in all seinem Staunen überkam ihm ein frösteln... er weiss nicht von wo es kam und was der Grund war... war es Schockierung oder war es Verehrung? Eine Kugeln, geschaffen für nur einen Zweck. Vielleicht übertrieb er leicht, aber es stellte sich ihm die Frage, warum die Schützen eigentlich nicht mit Gummi- oder mit Farbpatronen schossen? Sie konnten doch ganz leicht den selben Zweck erfüllen um die Kartonscheibe zu durchschlagen... er saht die Kugel nochmals an... gefährliches Ding... 50 in einer Packung... und jede einzelne davon in der Lage, ein Leben zu beenden. Eine Packung mit 50 Leben... Aber warum Respekt vor der Waffe haben? Der Träumer erkannte, dass es eigentlich hiess, man sollte Respekt vor der einzelnen Kugel haben. Eine Waffe tötet nicht, dass ist immer noch die Kugel!

Eine Waffe zu besitzen bedeutet auch eine grosse Verantwortung... dies erkannte der Träumer ebenfalls. Er ging anderst durch den Tag, ständig im Wissen ab seiner Bürde der Macht. Ein Segen und ein Fluch zugleich. Zum Glück war der Träumer ein friedliebender Mensch, der Gewalt verabscheute. Doch wenn ihm Gewalt zugetan wird, was würde ihn davon abhalten, es endgültig zurückzuzahlen. Was würde ihn davon abhalten, Vergeltung zu verüben wenn er verarscht wird. Was würde ihn daran hindern, seine Rache zu vollenden. Was. Wie würde er reagieren wenn er ein Einbrecher erwischen würde... wo würde der ganze Hass und Zorn enden? Der Träumer fand seinen Willen sehr interessant. Manchmal war er stark, manchmal schwach. Vielleicht war der grösste Fehler in seinem Leben eine Waffe zu besitzen. Etwa eine zu grosse Macht in seinen Händen? Der Träumer lachte bei diesem Gedanken. Es war ein schöner Gedanke, diese Macht zu besitzen... Das innerliche Wissen, dass andere nur durch seine Gunst am Leben sind... seiner Gnade ausgesetzt... seiner Laune... seinem...

Der Träumer viel unsanft aus seinem Traum. Er hielt die einzelne 9mm Kugel von Luger immer noch in seinen Händen. Die Nackenhaaren stellten sich bei ihm auf, und er legte die Kugel zurück. Danach schob der Träumer die 50 Mörder alle wieder in die Packung und verstaute die Munition im Tresor. Es war nicht die einzige Packung die er hatte, mehrere Särge waren im Save verstaut.

Ein ganzer Friedhof.

Und er war der Wächter.

Text by Snowhawk